Unser Gehirn verarbeitet Tag für Tag unzählige Informationen und ist damit überfordert. Durch die immer stärker voranschreitende Digitalisierung unseres Alltags wird unser Gehirn täglich von mehr und mehr Eindrücken überrollt. Unser Smartphone sowie andere elektronische Geräte folgen uns auf Schritt und Tritt und lassen uns letztendlich keine Ruhe. Dies hat zur Folge, dass wir ständig „online“ sind. Jeder kann uns rund um die Uhr erreichen und wir sind stets mit der digitalen Welt verbunden.

Doch wie kannst Du mit dieser Informationsflut umgehen? Wie schaffst Du es, wirklich im Hier und Jetzt zu leben und nicht ständig mit dem Kopf über tausende Dinge gleichzeitig nachzudenken?

Jan Eßwein ist Experte für Achtsamkeit und kennt sich unter anderem auch bestens mit dem Thema „Digitales Detox“ aus. In unserem heutigen Interview beantwortet der 41-Jährige einige spannende Fragen, die sich in erster Linie mit den Themen Digitales Detox und Achtsamkeit beschäftigen. Du möchtest bewusster leben, etwas Abstand zur digitalen Welt gewinnen oder einen guten Mittelweg dazu finden? Dann ist dieses Interview genau das Richtige für Dich.

Jan Eßwein – „Der Experte für Achtsamkeit“

Jan Eßwein ist Experte für Achtsamkeit, Physiotherapeut und Yogalehrer. Außerdem ist er mit über 100.000 verkauften Büchern der meistgelesene deutsche Autor zum Thema Achtsamkeit. Desweiteren hält er Vorträge, gibt Seminare und betreut Kunden zu Fragestellungen, die sich in erster Linie mit Achtsamkeit beschäftigen. Der heute 41-Jährige vertieft sein Wissen seit über 20 Jahren und ist während seiner Ausbildung viel gereist. Unter anderem war er dabei ein halbes Jahr in einem Meditationszentrum in Nepal (Asien), dazu später mehr. Weitere Informationen zu Jan Eßwein findest Du hier oder im folgenden Video.

ZUM VIDEO

Das Interview mit Jan Eßwein

1. Wir danken Ihnen, Herr Eßwein, dass Sie sich Zeit für ein Interview mit uns nehmen. Wir möchten mit Ihnen heute zunächst über das Thema „Digitales Detox“ sprechen, worüber Sie auch Seminare und Vorträge halten. Vielleicht als Einführung für unsere Leser, was genau hat man sich Ihrer Meinung nach darunter vorzustellen?

Jan Eßwein: „Digitales Detox bedeutet, dass Sie für gewisse Zeiten bewusst darauf verzichten, digitale Medien und elektronische Technologien zu nutzen. Dazu zählen Ihr Smartphone, Ihr PC, Tablet, aber auch der Fernseher.“

2. Warum sollte man sich über die Nutzung digitaler Medien überhaupt ernsthafte Gedanken machen? Welche Vorteile erwarten mich theoretisch, wenn ich meine Geräte regelmäßig für eine gewisse Zeit abschalte und somit „offline“ gehe?

Jan Eßwein: „Es steht außer Frage, dass wir in einer digitalisierten Welt leben. Statt Postkarten versenden wir heute Nachrichten via Whats App, wir bezahlen mit dem Smartphone und nutzen die neuesten Apps.

Wir nehmen dabei heute in einem Jahr so viele Informationen auf, wie vor dem Internetzeitalter in einem ganzen Menschenleben.

Das Problem ist: Unser Gehirn hat sich allerdings nicht grundlegend verändert. Es muss all die Informationen aufnehmen, filtern, verarbeiten darauf antworten. Und das bedeutet Stress fürs Gehirn. Die Folge: viele Menschen klagen über die ständige Erreichbarkeit, ihre Konzentrationsfähigkeit nimmt ab und sie fühlen sich gestresst. Psychische Erkrankungen nehmen rapide zu.

Jan Eßwein

Wenn Sie anfangen, Digitales Detox zu praktizieren, können Sie sehr schnell spüren, dass Sie im Alltag ruhiger und fokussierter werden. Sie werden außerdem merken, wie wohltuend es ist, aus dem reaktiven Modus herauszutreten und sich verstärkt auf ein proaktives Denken und Handeln, auf Ihre eigenen Impulse und Ziele, auszurichten zu können. Auch im Büro ist das extrem hilfreich, denn Sie arbeiten wesentlich produktiver und werden kreativer. Sie kriegen mehr geregelt.“

3. Betrifft die Thematik „Digitales Detox“ jede Person oder sollten sich bestimmte Bevölkerungs- oder Nutzergruppen besonders angesprochen fühlen?

Jan Eßwein: „Menschen, die im beruflichen und privaten Bereich digitale Medien besonders häufig nutzen, profitieren meiner Erfahrung nach am stärksten vom Digitalen Detox.“

4. Nicht selten hört man von Bekannten, dass sie Smartphone & Co. in Zukunft nur noch dann in die Hand nehmen möchten, wenn es auch wirklich Sinn macht. Meist ändert sich das Nutzungsverhalten dann doch nicht. Können Sie unseren Lesern zwei oder drei einfache Tipps verraten, wie sie es in Zukunft schaffen, weniger Zeit online an elektronischen Geräten zu verbringen.

Jan Eßwein: „Das Wichtigste beim Digitalen Detox: Nehmen Sie sich nicht zu viel vor! Beginnen Sie mit nur einer einzigen kleinen Veränderung, die gut in Ihren Alltag passt. Versuchen Sie diese über drei, vier Wochen hinweg beizubehalten und somit zur Gewohnheit zu machen. Wenn Sie auf den Geschmack gekommen sind, nehmen Sie eine weitere Kleinigkeit hinzu.

Hier ein paar einfache und sehr effektive Tipps:

  • Starten Sie Ihren Arbeitstag nicht, indem Sie Ihre Emails checken. Fragen Sie sich stattdessen: „Was sind heute meine wichtigsten Ziele? Was möchte ich auf jeden Fall erreichen?“ Nehmen Sie eine halbe Stunde Zeit dafür und machen Sie sich Notizen auf einem Stück Papier, ganz analog.
  • Schalten Sie Signaltöne und optische Benachrichtigungen für eingehende Mails im Mailprogramm ab.
  • Während eines Spaziergangs oder bei einer Verabredung lassen Sie das Smartphone zum Beispiel zu Hause oder im Auto.
  • Mit Hilfe der App Moment, die Ihre Smartphonenutzung analysiert, können Sie ein Spiel daraus machen: „Wie wenig kann ich das Smartphone nutzen?“
  • Lassen Sie in Meetings elektronische Geräte an der Tür abgeben. Sie werden staunen, wie effektiv und konzentriert die Besprechung vorankommt.
  • Machen Sie einen Realitätscheck und fragen Sie sich: „Was passiert im schlimmsten Fall, wenn ich zwei Stunden lang nicht erreichbar bin?“

5. Sie „betiteln“ sich zudem selbst als „Der Experte für Achtsamkeit“. Achtsamkeit steht sicherlich eng im Zusammenhang mit dem zuvor besprochenen Thema „Digitales Detox“, ist aber auch ein sehr allgemeiner Begriff. Wie würden Sie ihn in Bezug auf Ihre Tätigkeit definieren? Einige Leser können sich spontan vielleicht nur wenig darunter vorstellen.

Jan Eßwein: „Achtsamkeit bedeutet wahrzunehmen, was geschieht, während es geschieht. Es bedeutet ganz im Moment zu sein: Dass Sie sich selbst bewusst wahrnehmen, aber auch die Situation und Ihr Gegenüber.

„ACHTSAMKEIT BEDEUTET, WAHRZUNEHMEN, WAS GESCHIEHT, WÄHREND ES GESCHIEHT.“ BY JAN EßWEIN

Viele Menschen haben diese ganz natürliche Fähigkeit verlernt. Sie leben überwiegend auf „Autopilot“ und sind mit dem Kopf nicht bei dem, was sie körperlich tun. Digitales Detox ist sehr unterstützend für die Achtsamkeit, denn es hilft dabei, sich mehr auf seine physische Umwelt, auf die Situation in der Sie sich befinden, zu konzentrieren.“

6. Wie sind Sie überhaupt auf diese Thematik aufmerksam geworden, sodass die Achtsamkeit der wohl wichtigste Teil Ihres Berufs geworden ist? Auf Ihrer Homepage sprechen Sie von einem „einschneidenden Erlebnis“.

Jan Eßwein: „Als ich 17 war entging ich nur um Haaresbreite einem Unfall, der höchstwahrscheinlich tödlich geendet hätte. Damals begann meine Suche danach, was das Leben lebenswert macht. Im Alter von 20 Jahren kam ich schließlich in Indien in Kontakt mit der Achtsamkeitsmeditation. Und als ich merkte, wie positiv die Achtsamkeit mein Leben beeinflusst, wollte ich immer mehr drüber lernen und erfahren. Seit 2002 gebe ich Achtsamkeitstrainings und halte Vorträge zum Thema.“

7. Während Ihrer Ausbildung durchlebten Sie unter anderem ein 175-tägiges Schweige-Retreat im Panditarama Meditationszentrum in Nepal. Was genau hat man sich darunter vorzustellen und was ist das Wichtigste, dass Sie aus dieser Zeit mitgenommen bzw. gelernt haben?

Jan Eßwein: „Ein solches Schweigeretreat bedeutet, für ein halbes Jahr unter fordernden Bedingungen zu leben. Jeden Morgen um 4:00 Uhr aufstehen, zwei kleine Mahlzeiten am Tag, ab 12:00 Uhr mittags wird gefastet bis zum nächsten Frühstück. 14 bis 16 Stunden Meditation am Tag, dafür nur 5 Stunden Schlaf. Und natürlich keine Ablenkungen durch Internet, Emails, Bücher, Musik oder Gespräche.

Mein Lehrer, der Mönch, sagte „Lebe von Millisekunde zu Millisekunde!“ Es geht um den totalen Fokus auf den jeweiligen Moment.

Jan Eßwein

Meine wichtigste Erkenntnis war, zu erkennen, wie glücklich ich sein kann, wenn meine ganze Aufmerksamkeit in diesem Moment ruht. Und dass mein Glück nur zu einem geringen Grad von der äußeren Situation abhängt.“

8. Wird das Thema Achtsamkeit Ihrer Meinung nach in der Gesellschaft unterschätzt oder erst gar nicht wahrgenommen? Falls ja, woran könnte das liegen?

Jan Eßwein: „Das Thema Achtsamkeit hat in den vergangenen vier bis fünf Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen und der Trend wird weitergehen. Die steigende Anzahl psychischer Erkrankungen, veränderte Arbeitsmodelle und auch die Digitalisierung führen zu einem langsamen Umdenken innerhalb der Gesellschaft.

Achtsamkeit kann helfen, bevor es zu Stress, Überforderung in Alltag und Job und Burnouts kommt.

Mehr und mehr erkennen auch die Unternehmen in Deutschland, dass Achtsamkeit eine für Führungskräfte äußerst wichtige Fähigkeit ist. Einerseits um sich selbst angesichts der hohen Anforderungen mental gesund zu halten, andererseits um ein echter Leader zu sein. Ein Mensch, der die Mitarbeiter nicht nur per Position, sondern durch seine Präsenz führt.

9. Inwiefern kann einer Person ein Achtsamkeitstraining helfen? Wo merken Ihre Kunden und Leser einen spürbaren Mehrwert?

Jan Eßwein: „Der Mehrwert liegt auf verschiedenen Ebenen:

Wann sind Sie das letzte Mal unter der Dusche gestanden und haben ganz bewusst gespürt, wie das warme Wasser über Ihre Haut rinnt, das Shampoo riecht und haben diesen angenehmen Moment so richtig ausgekostet?  Achtsamkeit hilft Menschen, die wertvollen Momente ihres Lebens wirklich zu genießen. Sie hilft, glücklicher zu sein.

Ein anderer Aspekt liegt im besseren Umgang mit Stress. Wie zum Beispiel die Teilnehmerin in einem meiner Workshops, der es gelang in einer Streitsituation mit ihrer pubertären Tochter nicht wie gewohnt zu reagieren, indem sie zu schreien begann. Sondern sie konnte innerlich einen Schritt zurücktreten und sich für eine hilfreiche Reaktion zu entscheiden – in diesem Fall zu warten, bis sie sich beruhigt hatte und dann das Gespräch in einem ruhigen Tonfall weiterführen.

Außerdem nimmt die Konzentrationsfähigkeit zu, was gerade im Job oft von entscheidender Bedeutung ist.“

Jan Eßwein Achtsamkeitstraining

10. Können Sie unseren Lesern auch hier einen kurzen Tipp geben, damit sie mehr Achtsamkeit in ihr Leben bringen?

Jan Eßwein: „Eine gute und einfache Alltagsübung ist das achtsame Essen.

Schalten Sie einfach alle Ablenkungen wie Fernseher oder PC ab und nutzen Sie all Ihre Sinne, um Ihre Mahlzeit bewusst wahrzunehmen. Während Sie kauen, legen Sie das Besteck aus der Hand und konzentrieren sich nur auf den Prozess des Kauens und auf den Geschmack. Für den Anfang ist es vollkommen ausreichend, wenn Sie diese Übung mit nur einem Bissen pro Tag machen. Das kostet nicht einmal mehr Zeit, aber steigert den Genuss und die Zufriedenheit.“

11. In unseren Interviews befragen wir die Interviewpartner gegen Ende des Gesprächs des Öfteren zum Thema Weiterbildung, da dies der zentrale Kernpunkt unseres Online-Magazins ist. Wie wichtig ist für Sie die stetige Weiterbildung in Ihrem Beruf oder auch im Privatleben? Wie bilden Sie sich weiter?

Jan Eßwein: „Achtsamkeit bedeutet auch, offen für neue Wahrnehmungen zu sein. Für mich ist lebenslanges Lernen eine wichtige Grundhaltung.

Ich höre viele Hörbücher, lese Bücher und Fachzeitschriften. Derzeit besuche ich Seminare zu „Getting Things Done“ (GTD), einer sehr effektiven Selbstmanagement-Methode. Und dann freue ich mich auf eine eineinhalbjährige Coaching-Ausbildung.“

Das Leben bewusst und achtsam wahrnehmen

Jan Eßwein konnte uns in diesem Interview einige hilfreiche Antworten und Tipps liefern, mit denen Du Deinen Alltag deutlich achtsamer und bewusster gestalten kannst. Auch wenn es Dir anfangs schwer fallen mag, Dich bewusst auf eine konkrete Sache zu konzentrieren, für eine gewisse Zeit auf Dein Smartphone oder andere Geräte zu verzichten und dem Moment die volle Aufmerksamkeit zu schenken, so wird es sich letztendlich dennoch lohnen.

Versuche, die einzelnen Schritte und Tipps von Jan Eßwein Stück für Stück in Dein Leben zu integrieren. Schnell wirst Du merken, dass Dir nichts entgeht und sich Dein Alltag positiv verändern wird. Wie stehst Du zu den Themen Digitales Detox und Achtsamkeit? Wir freuen uns immer über Feedback, egal ob in den Kommentaren unter diesem Interview oder auf unseren Social Media Kanälen.